Ein leises, weiches Lachen drang an Neviâthiens Ohr, das sie aus einem unruhigen, traumlosen Schlaf riss. Verwirrt öffneten sich ihre Lider und sahen direkt in zwei große Augen, in denen der Schalk anscheinend zu Hause war. Mit geübten Blick begann sie, die noch immer lachende, Person vor sich zu betrachten.

Eindeutig ein weibliches Wesen mit einer mittelgroßen, kraftvollen Figur, die nur von einem einzigen Stück bekleidet zu sein schien. Ein breiter Lederstreifen verdeckte nur knapp einen heranwachsenden Busen, bevor er quer über einen flachen, angespannten Bauch verlief, und dann direkt das Dreieck zwischen zwei wohl geformten Beinen bedeckte.

Anscheinend noch nicht ganz dem Mädchenalter entwachsen, machte sie durch ihr Auftreten doch klar, daß sie bereit war, als Frau angesehen zu werden. Neviâthien wußte selbst noch, wie schwer diese Zeit für ein Mädchen sein kann und beschloß deshalb, dieses Thema mit Vorsicht zu behandeln.

Das lachende Mädchen hockte auf ihren Fersen, die Schenkel weit gespreizt und stütze sich auf ihre kleinen Hände, die vor ihren Füßen auf dem Boden lagen. Anscheinend genoß sie es, Neviâthien so direkt in die Augen sehen zu können. Ihre Füße waren nackt und für Neviâthiens Geschmack viel zu groß.

Kurz stockte der Jägerin der Atem, als ein dunkles, wedelndes Fellstück hinter dem Wesen erschien. Zuerst glaubte sie, ein Tier gesehen zu haben, doch bei dem nächsten Auftauchen erkannte sie, daß es sich offensichtlich um eine Schwanzspitze handelte. Neugierig wanderte ihr Blick nun zu dem Gesicht der Unbekannten. Kurze, unregelmäßig gewachsene Haare, die ihren eigenen Willen zu haben schienen, standen dem Mädchen vom Kopf. Unter einer glatten Stirn lagen große, dunkle Augen, die umrahmt waren von vollen, noch dunkleren Augenbrauen. Diese befanden sich über einer kleinen Nase und einem zierlichen Mund. Selbst die kleine Narbe am Kinn konnte den Eindruck nicht zerstören, daß es ein schlichtes, doch sehr schönes Gesicht war.

“Bist Du endlich erwacht? Du scheinst ja eine ganz schöne Schlafmütze zu sein. Schon vor dem ersten Sonnenstrahl habe ich Deinen lauten Atem gehört und Dich hier sitzend gefunden. Sei froh, daß ich es war und nicht ein wildes Tier! Was machst Du hier? Wo kommst Du her? Bist Du vom Himmel gefallen oder hat Dich etwas her geflogen? Wie heißt Du? Ich habe Dich hier noch nie gesehen. Wo willst Du hin? Auch zum großen Turnier? Wieso dürfen da eigentlich alle hin, nur ich nicht? Und warum bist Du allein unterwegs? Du bist doch eine Jägerin – stimmts? Haben nicht alle Jäger einen Begleiter? Wo ist Deiner? Ich habe noch nie eine Jägerin gesehen. Bei uns dürfen nur die Männer Jäger werden. Wie alt bist Du? Bist Du vergeben? Hast Du eine Familie? Du bist eher die Schweigsame, stimmts? Nun sag schon.”

Jägerin

Obwohl es eine angenehme, klare und weiche Stimme war, die anscheinend ununterbrochen reden konnte, war es nun Neviâthien, die lachte und dabei ihre Hände wie zur Abwehr vor ihr Gesicht hob. “Langsam! Bitte gib mir einen Augenblick, bevor ich Dir antworte.”

Ein Enttäuschen war auf dem Gesicht der Anderen zu sehen, die aber in ihrem Redeschwall innehielt. Jedoch nur für einen winzigen Augenblick. Danach sprudelten die Worte wiederum wie ein Wasserfall über die junge Jägerin, die angestrengt versuchte, dem Wortschwall zu folgen: “Du möchtest Dich sicher frisch machen, bevor Du aufbrichst. Ich kenne eine wundervolle Stelle, ich zeige sie Dir, wenn Du mich mitnimmst. Tust Du das? Bitte. Ich würde so gerne mit gehen. Ich träume schon ewig davon, aus dem Wald herauszukommen. Ich bin die beste Fährtenleserin in der ganzen Gegend – das hat sogar Murmeal gesagt! Die Anderen behandeln mich immer noch wie ein Kind, dabei habe ich schon 14 Monde gesehen! Murmeal sagte immer: Norin – Du hast Deine Ausbildung abgeschlossen und bist bereit für die Welt und ihre Abenteuer! Doch meine Mutter wollte davon nichts hören. Nun bin ich allein und ihre letzten Worte waren: Höre immer auf Dein Herz und das, was Murmeal Dir sagt! Bitte nimm mich mit! Ich bin Dir sicher sehr nützlich!” Bei ihren Worten war das Lachen aus ihren Zügen verschwunden und hatte einer großen Bitte Platz gemacht.

“Du heißt also Norin, bist 14 Monde alt, also schon fast eine Frau, Dein Lehrer hieß Murmeal, der, genau wie Deine Mutter, nicht mehr lebt. Du bist Fährtenleserin, kennst Dich hier aus und kannst mir behilfreich sein?”

Mit ihren großen Augen, die voller Bewunderung Neviâthin anstrahlten, nickte Norin der Jägerin zu. “Woher weißt Du das?”