Erlebnisse einer jungen Jägerin (02)
So hoch wie sie selbst stand der stolze Vogel vor ihr. Kaum konnte sie noch über seinen Rücken schauen, nur, wenn sie sich auf ihre Zehenspitzen stelle, war es ihr möglich zu sehen, was hinter dem Tier verborgen lag. Wie klein er doch war, als sie ihn vor langer Zeit in seinem Nest vor einem Raubvogel gerettet hatte. Eine kleine Ewigkeit, wie ihr schien.
Langsam beugte sie sich nach vorn und versuchte mit ihren schlanken, aber kräftigen Armen den Tierkörper so weit wie nur möglich zu umfassen. Fast ein Ritual geworden war ihr diese Begrüßung.
Das Tier wandte ihr seinen Kopf zu und stupste sie leicht mit dem großen Schnabel in die Seite. Wie gefährlich dieser doch sein konnte, mit nur einem winzigen Schlag war es dem Vogel möglich, ihrem Leben hier und jetzt ein Ende zu bereiten. Doch sie vertraute ihm und er vertraute ihr, blind. Sonst wäre unvorstellbar, was gleich geschehen würde.
Kurz zog sie noch einmal an ihrer kurzen Tunika, die sich wie eine zweite Haut an ihren Körper schmiegte. Ihre langen, schlanken Beine waren verhüllt von einer engen, dunklen Hose, die von fast keinem Material im Wald durchdrungen werden konnte. Auch so mancher Gegner hatte schon erfahren, dass es nicht so einfach war, sich in ihre Waden zu verbeißen. Wie gut, dass die Hose mit Magie gesegnet war.
Ihre Hände bewegten sich in Richtung Schnabel, umschlossen diesen so fest, wie nur möglich. Klammerten sich daran fest um nicht in die Tiefe abzustürzen, die sich unter ihr breit machte, als der Vogel langsam den Schnabel hob und die junge Frau auf seinem Rücken niederließ. Kaum zu sehen war sie dort, trotz ihrer schlanken, hohen Gestalt. Das Federkleid umgab sie dicht und fein, umschloss ihre Beine, die eng den Leib des Vogels umfingen.
Kurz bevor sie das Zeichen des Aufbruchs geben konnte, hörte sie ein Krächzten, dass sie daran erinnerte, das ihr junger Felshetzer auch mit auf die Jagd wollte.
Ihre Hand verschwand für einen Augenblick in ihrem Rucksack und hielt nach dem Herausziehen einen eigenartig anmutenden Gegenstand fest umklammert. Ihren eigenen Zauberstab!
Viele, die sie auf ihren Reisen schon getroffen hatte, staunten, dass sie als Jägerin die Kunst des Zaubern beherrschte. Doch auf alle Fragen, die man ihr deshalb stellte, antwortete sie stets mit einem stillen Lächeln. Nie würde jemand erfahren, wie es dazu kam, dass sie diesen Zauberstab ihr eigen nennen durfte.
Kurz betrachtete sie den Stab, der eher an einen einfachen Ast erinnerte und nicht offenbarte, welche Kräfte in ihm schlummerten. Sie richtete ihn auf den Hetzer, schloss die Augen, konzentrierte alle inneren Kräfte, die von Nöten waren und sprach den entscheidenden Satz leise flüsternd vor sich hin. Ein kurzes Vibrieren des Stabes war das Einzigste, das darauf hindeutete, daß etwas geschehen war. Erst, nachdem sie ihre Augen öffnete und sah, dass die Stelle, an der ihr Begleiter eben noch stand, leer war, lächelte sie. Er war jetzt an einem anderen Ort dieser wunderschönen, mysteriösen und unerklärlichen Welt und würde dort auf sie warten, bis sie ihn am Landeplatz wieder zu sich rief.
Sie steckte den Stab wieder in ihren Rucksack und sah sich noch einmal kurz auf der Lichtung um, bevor sie dem Greifen durch ein kurzes, festes Andrücken ihrer Schenkel bedeutete, sich in die Lüfte zu erheben. Ihre schmalen Hände griffen beherzt in den Nackenflaum und begannen, den Vogel mit der ganzen Kraft, die in ihr war, zu dirigieren.
Sie lenkte ihre Schritte nah an das wunderschöne Tier, so nah, dass sie mit den Fingern durch sein dichtes Federkleid fahren konnte. Wie immer durchrieselte ein leiser Schauer ihren Körper, sobald ihre Fingerspitzen die Feine und Weiche erfühlten.
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